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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.08.2016

25 Jahre unabhängiges Estland"Kultur ist unsere Waffe"

Harry Liivrand im Gespräch mit Dieter Kassel

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Fünf mannshohe silberfarbene Buchstaben "KUNST" vor dem Eingang des Kunstmuseums KuMu in Tallin, Estland. (imago/stock&people)
Fünf mannshohe silberfarbene Buchstaben "KUNST" vor dem Eingang des Kunstmuseums KuMu in Tallin, Estland. (imago/stock&people)

Vor 25 Jahren erklärte Estland seine Unabhängigkeit. Und hat seither eine rasante Entwicklung genommen, mit einer jungen Bevölkerung, die sich vor allem als Europäer definiere, sagt der ehemalige Kulturattaché Harry Liivrand. Sein Land sei kulturell und ökonomisch bestens aufgestellt.

25 Jahre nach der Unabhängigkeit  gilt Estland als das Silicon Valley der EU: die Heimat der  Skype-Software, digital bestens aufgestellt, mit einer überaus internet-affinen jungen Bevölkerung. Wenn der Historiker Harry Liivrand heute erzählt, er komme aus Estland, "muss ich nicht mehr erklären, wo Estland liegt und wer aus Estland kommt. Und das ist wichtig."

Sein Land habe eine "fantastische Entwicklung genommen", kulturell und ökonomisch. Die sehr junge Bevölkerung definiere sich durchweg als Europäer, es habe ein deutlicher Mentalitätswandel stattgefunden, die Esten seien selbstbewusster als früher.

Der estnische Komponist Arvo Pärt im Jahr 2008, im Hintegrund die Musiker eines Sinfonie-Orchesters. (picture-alliance / dpa / Scanpix, Pedersen)Wichtiger "Kulturexport" Estlands: Der Komponist Arvo Pärt. (picture-alliance / dpa / Scanpix, Pedersen)

Gut eingebunden in die EU

"Besonders die junge Kultur spielt eine sehr große Rolle in der nationalen Identität." Mit Blick auf estnische Künstler wir den Komponisten Arvo Pärt sagte Liivrand: Generell nehme "die Kulturdiplomatie" Estlands international hohen Stellenwert ein – "Kultur ist sozusagen unsere Waffe", betonte Liivrand, der fünf Jahre lang als Kulturattaché an der Botschaft von Estland in Berlin tätig war.

Von der EU und von der Nato fühle sein Land sich gut unterstützt – vor allem auch im Hinblick auf das gespannte Verhältnis zu Russland. Zur Kritik, Estland verweigere sich bei der Aufnahme von Flüchtlingen, sagte Liivrand:

"Flüchtlinge bedeutet nicht nur: Flüchtlinge aus Maghreb-Ländern oder aus Syrien oder aus Irak. Für uns bedeutet es auch Leute aus der Ukraine, zum Beispiel, und früher auch Leute aus Georgien." In der aktuellen Debatte werde leicht vergessen, dass Estland viele Menschen aus diesen Ländern aufgenommen habe.


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Estland ist, glaube ich, im Moment ein recht aufregendes Land, da passiert einiges. Am vergangenen Samstag haben die Esten den 25. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit gefeiert. Am Montag wählen sie einen neuen Präsidenten, und zwischendurch gab es auch noch mehrfach hohen Besuch. Angela Merkel war gestern in Estland, unmittelbar vor ihr der amerikanische Vizepräsident Joe Biden.

Das alles sind nun wirklich genug Gründe, um mal einen relativ grundsätzlichen Blick auf dieses kleine Land zu werfen, dass wir alle ja vom Namen her glauben zu kennen, und seien wir ehrlich: meistens doch in einen Topf werfen mit den anderen beiden baltischen Staaten, und das nicht unbedingt zu Recht. Wir wollen jetzt ein Gespräch führen mit Harry Liivrand. Er ist Historiker und Journalist, war während der letzten fünf Jahre Kulturattaché in der estnischen Botschaft in Berlin, und jetzt lebt er wieder in Estland. Schönen guten Morgen, Herr Liivrand!

Harry Liivrand: Guten Morgen, Grüße aus Tallinn!

Kassel: Wenn Angela Merkel zum Beispiel zu Gast ist wie gestern oder auch der US Vizepräsident Biden, dann stellt sich natürlich die Frage, wie sieht ein so kleines Land wie Estland solche Staatsbesuche, wie sieht sich Estland eigentlich auf der Weltkarte?

Liivrand: Ja, das ist eine gute Frage, und ich sage, Estland, das bedeutet nicht nur Skype und Arvo Pärt, Estland spielt auch eine Rolle in der internationalen Diplomatie und Weltpolitik.

Kassel: Wo sehen sich denn die Esten geografisch und kulturell selber? Natürlich ist es einer der drei baltischen Staaten, das ist erst mal die sichere Bezeichnung, aber darüber hinaus, wohin gehören denn die Esten gefühlsmäßig – eher zu Skandinavien oder doch eher zu Westeuropa?

Liivrand: Das ist eine ewige Frage kann man sagen, und wir denken auch, dass wir gehören zu Skandinavien, weil auch Finnland, unser Brudervolk, zu Skandinavien gehört. Aber natürlich, geografisch gehören wir zum Baltikum. Das bedeutet, dass wir immer zwischen Skandinavien und Baltikum balancieren, und ich finde diese Mischung auch ganz gut.

1939 ist vorbei und Geschichte

Kassel: Aus westlicher Sicht wird ja immer wieder auch historisch auf die Besetzung Estlands durch Russland, den Hitler-Stalin-Pakt verwiesen. Lange Zeit hat das die Esten traumatisiert. Ist dieses Thema jetzt im Alltag abgeschlossen?

Liivrand: Ich denke doch. Ich kann als Historiker sagen und auch als ehemaliger Diplomat, dass der Molotow-Ribbentrop-Pakt natürlich Geschichte ist und nie wieder kommt, weil unsere politische und diplomatische Situation heutzutage auch etwas anders ist als 1939.

Kassel: Das heißt aber auch, die Esten, wie die anderen beiden baltischen Staaten, aber eben auch die Esten fühlen sich durchaus jetzt aus aktuellem Anlass von Russland bedroht.

Liivrand: Ja und nein. Das bedeutet, dass Russland unser Nachbar ist und war.

Kassel: Aber fühlen sich denn die Esten – das ist ja immer wieder eine Frage, wird wahrscheinlich auch Thema gewesen sein bei den beiden Staatsbesuchen –, fühlen Sie sich ausreichend geschützt durch die EU und durch die NATO oder haben Sie doch das Gefühl, das Engagement ist nicht ausreichend?

Liivrand: Doch. Wir denken, dass dieses Engagement reicht, und die Zusammenarbeit mit EU und NATO reicht auch für uns. Und dass die politischen Beziehungen heutzutage total etwas anderes sind als früher, das ist natürlich sehr, sehr gut.

Kassel: Estland hat, und ich finde auch zu Recht, den Ruf, ein sehr junges und sehr modernes Land zu sein. Sie haben es ja selber schon erwähnt – man denkt bei Estland auch sofort an das Internet und daran, dass bei Ihnen quasi alles – nicht alles, aber vieles – online möglich ist. Auf der anderen Seite wird Estland innerhalb der Europäischen Union oft kritisiert für seine Flüchtlingspolitik, für etwas, was viele als Verweigerungshaltung auch sehen. Sind die Esten gegen Flüchtlinge?

Estland und die Flüchtlinge

Liivrand: Wir warten und nehmen auch Flüchtlinge. Und zweitens muss man sagen, dass Flüchtlinge nicht nur Flüchtlinge aus Maghreb-Ländern oder aus Syrien oder aus Irak bedeutet, sondern für uns bedeutet Flüchtlinge auch: Leute aus der Ukraine zum Beispiel und früher auch aus Georgien.

Kassel: Also verstehe ich Sie richtig, dass man bei der Diskussion innerhalb der EU über die Verteilung jetziger Flüchtlinge das Gefühl hat, es wird oft vergessen, dass Estland ja schon ganz andere Flüchtlinge – Sie haben es erwähnt – aus der Ukraine unter anderem und aus Georgien aufgenommen hat?

Liivrand: Genau. Ich denke auch so. Ich kann sagen, wir haben Flüchtlinge aus Georgien, aus Ukraine, aber wir haben auch schon Flüchtlinge aus Syrien, aus Irak, und ich finde diesen Prozess ganz normal.

Kassel: Herr Liivrand, ich habe am Rande schon erwähnt, dass man bei Estland immer sehr stark an die junge Bevölkerung, an die Rolle des Internets, an auch eine sehr moderne Kultur denkt. Wie hat sich denn – wir haben es erwähnt, am letzten Samstag wurde der 25. Jahrestag der Unabhängigkeit gefeiert –, wie hat sich denn in Ihren Augen Estland in diesen 25 Jahren entwickelt und bis heute verändert?

Liivrand: Diese Entwicklung ist kolossal geworden, kann ich sagen. Ich habe die revolutionären Tage vor 25 Jahren miterlebt - und der Vergleich ist fantastisch. Unsere Kultursituation, unsere ökonomische Situation ist sehr, sehr anders als früher, und auch die Lebensmentalität und das Selbstbewusstsein sind etwas anders als früher. Ich finde ganz toll, dass Leute, besonders junge Leute sich als Europäer empfinden und definieren. Das ist absolut fantastisch, und besonders die junge Kultur spielt eine sehr richtige, große Rolle in der nationalen Identität. Natürlich ist es auch sehr, sehr wichtig, dass unsere Kulturpolitik, dass unsere Kulturdiplomatie eine riesig große Rolle spielt. Unsere Kultur ist sozusagen unsere Waffe.

Dank seiner Kultur kennt Estland auch die ganze Welt. Wie ich am Anfang gesagt habe,  bedeutet Estland Skype und Arvo Pärt, aber natürlich noch andere berühmte Komponisten, Musiker, Schauspieler. Das freut mich, dass ich jetzt 2016, wenn ich reise oder wenn ich im Dienst umherfahre, nicht erklären muss, wo Estland ist und wer aus Estland kommt. Das ist wichtig.

Kassel: Wenige Tage nach der großen Unabhängigkeitsfeier, zum 25. Jahrestag der Unabhängigkeit und ebenfalls wenige Tage vor der Präsidentenwahl am kommenden Montag sprachen wir gerade mit Harry Liivrand, Historiker und Journalist aus Estland und fünf Jahre lang Kulturattaché in der estnischen Botschaft in Berlin über das kleine, aber doch höchstinteressante und sehr pulsierende Land im Baltikum. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, Herr Liivrand!

Liivrand: Vielen, vielen Dank für das Gespräch und schönen Tag weiter!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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