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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 02.05.2007

200 Jahre Viktualienmarkt

Die Geschichte einer Münchner Attraktion

Von Barbara Roth

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Blick auf München (Stock.XCHNG / Matthias Schimmelpfennig)
Blick auf München (Stock.XCHNG / Matthias Schimmelpfennig)

Die Münchner lieben ihn, ärgern sich über die Preise, aber können ohne ihn doch nicht leben: Auf dem Viktualienmarkt schlägt das Herz der Millionen-Stadt. Hier trifft man auf Hausfrauen und Feinschmecker, derbe Marktweiber, Müßiggänger und Standlbesitzer, die in der dritten oder vierten Generation am Markt ansässig sind.

München, anno 1807. Napoleon hat Bayern ein Jahr zuvor zum Königreich erhoben. Und der frisch gekrönte bayerische Monarch Max I. Joseph machte sich daran, München zur repräsentativen Residenzstadt herauszuputzen.

Dabei war ihm das chaotische Treiben auf dem althergebrachten Marktplatz der Münchner, dem heutigen Marienplatz, ein Dorn im Auge. Dort boten täglich Händler Fisch und Wein feil; Bauern kamen mit Getreide, Kartoffeln, Rüben, Milch, Eiern und allerlei Viechern in die Stadt - um die Mariensäule war es längst viel zu eng geworden. Das bunte Durcheinander störte den König bei seiner Prachtentfaltung und so verfügte er kurzerhand per "allerhöchster Entschließung", den Markt auf den Hof des Heiliggeistspitals zu verlegen. Auf den Tag genau vor 200 Jahren war es, da zog der Viktualienmarkt an seinen neuen Standort um.

Ludwig Freisinger. "Den Viktualienmarkt mit F! Das kann man doch gar nicht anders reden. Net W, nein, nein, das machen die Preußen. Fiktualien - nicht mit W. Sie, die sagen ja auch beim Valentin sagen die, das ist der Walentinbrunnen. Das ist doch kein Deutsch. Wenn schon dort steht Valentin, dann muss man auch Falentin sagen. Net? Aber die da droben sagen Walentin. Wir sprechen eigentlich das richtige Deutsch hier in Bayern, stimmst."

Ludwig Freisinger erkennt an der Aussprache n' Zuagroasten und noch schlimmer: n' Preißen sofort.

Der 71-Jährige - stämmige Figur, zerfurchte Hände, wettergegerbtes Gesicht - gehört seit 54 Jahren zum Inventar auf dem Viktualienmarkt; Händler in der dritten Generation. Anfangs, erzählt Freisinger, sei es ihm schwer gefallen, auf die Kunden zuzugehen.

"Am Anfang mei, ich war sehr gehemmt. Da traust dir nichts sagen. Da haben meine Eltern Angst gehabt, mei der soll mal das Geschäft übernehmen, der geht vom Rockzipfel net weg. Das ist ja furchtbar. Aber schauen Sie, das ergibt sich einfach am Markt, der belebt einen, da wirst Du frei, Du musst mit den Leut Kontakt haben, Du musst mindestens mal Grüß Gott sagen. Man möchte es nicht anders, dass man immer im Freien ist, wenn es auch im Winter recht kalt ist, aber da musst dich halt warm anziehen, erfroren ist noch keiner."

Die Freisingers sind eine der ältesten Standlfamilien. Stadtbekannt und eine Institution. Schon der Urgroßvater hat 1903 auf dem Markt Salzgurken verkauft. Heute arbeiten Sohn und Schwiegertochter am Kräuter- und Gurkenstand mit. Sogar im offiziellen Stadtführer werden sie erwähnt.

"Genießen tue ich den ganzen Tag. Sie, abends, wenn ich heim komme und ich steige aus dem Auto aus und bin ganz buckelig, weil ich nicht mehr gerade gehen kann, dann sage ich zu meiner Frau: Gell, heute ist wieder ein gutes Geschäft gegangen, gell. Gehe ich aufrecht aus dem Auto raus, dann sagt man: Heute war nicht so viel los, passt gar nicht so. Also, nur wenn du restlos ausgearbeitet bis, dann bist du zufrieden. Bei uns ist das so. Ah ja, passt schon."

Apropos Viktualien - das leitet sich ab vom lateinischen victus, übersetzt: Lebensmittel, Vorräte. Das Wort galt Anfang des 19. Jahrhunderts als schick. Wer etwas auf sich hielt, glänzte mit Lateinkenntnissen. Und so kam der Markt zu seinem Namen.

Ein Viktualienmarkt-Original ist Orgel-Fred, der mit seiner Drehorgel-Musik Touristen unterhält. Er gehört zum Markt wie die Kastanien zum Biergarten.

"Schmeiß nei. (Geld klappert) Danke Dir, mein Freund. Schönes Wochenende und viel Spaß."

"Hoch und Nieder, Arm und Reich finden sich hier zusammen, um für des Leibes Nothdurft und Ergetzen zu sorgen, ein jeder, wie er es vermag" - so kommentierte anno 1807 das hiesige Stadtblatt die Eröffnung des neuen Marktstandortes.

Dafür opferte der König anno dazumal eine, für die Zeit außergewöhnliche, soziale Einrichtung: das Heiliggeistspital. In dem kümmerten sich Augustinermönche seit 1208 um Arme, Obdachlose, Gebrechliche und Kranke. Das riesige Spital mitten in der Stadt stand den eifrigen Modernisierern am Königshof im Weg.

Axel Winterstein: "Außerdem kam hinzu die Geringschätzung von Kirchen und kirchenähnlichen Einrichtungen durch Montgelas, der ja bei der damaligen Regierung der Superminister war. Deswegen befahl er, es war praktisch ein Befehl, den Markt in den Hof dieses Heiliggeistspitals zu verlegen. Zunächst nur in den Hof, aber der Markt breitete sich natürlich aus, so dass also allmählich im Laufe des ganzen 19. Jahrhunderts das gesamte Heiliggeistspital abgebrochen wurde."

Axel Winterstein, Autor des Buches "200 Jahre Viktualienmarkt". Das Spital mit Waisenhaus und Altenheim musste dem Markttreiben weichen. Nur die Heiliggeistkirche an der Ecke blieb stehen.

Es dauerte, bis den Händlern feste Standplätze zugewiesen wurden. Jahrzehnte lang galt nur die simple Regel: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Erst 1870 entschloss sich die Stadt, feste Buden aufzustellen. Und die Standln gewinnbringend an die Händler zu verpachten.

Axel Winterstein: "Zunächst einmal ziemlich windschiefe Bretterbuden, wie man auf Fotos noch erkennen kann. Und erst so im 19. Jahrhundert wurden aus den Bretterbuden die heutigen Standl. In der Regel sind sie mannshoch unterkellert, manchmal aber auch nur etwa so 60, 70 Zentimeter. Das hängt damit zusammen, dass früher über dem Viktualienmarkt sieben Stadtbäche liefen. Und wenn ein Standl zufällig über einem gemauerten Stadtbach liegt, kann man darunter natürlich keinen tiefen Keller bauen, sondern der Keller ist dann entsprechend niedrig, 60 70, 80 Zentimeter."

Über die Jahre kamen die Schrannenhalle, eine Halle für Kutteln, Brotgeschäfte und eine Nordseefischereihalle dazu. Seine heutige Größe erreichte der Viktualienmarkt bereits im Jahr 1890. Damals wuchs die Einwohnerzahl Münchens stetig an, immer mehr Menschen zogen vom Land in die Stadt. Und der Handel mit Lebensmitteln machte den Markt zum unverzichtbaren "Bauch" der königlichen Metropole. Seine Lage mitten in München erwies sich für die Stadtentwicklung als Glücksgriff - und als Touristenmagnet.

Frau: "So in der Früh ist alles noch wie es früher war. Einfach München genießen, wenn man noch ein bisschen Platz hat im Gewühl."

Frau2: "Was ich eingekauft habe? Eier, ein Brot, und jetzt suche ich noch kleine Kartoffeln und Spargel. Ach, ich bin eine Münchnerin, da geht man auf dem Viktualienmarkt einkaufen, weil ich sage, ich brauche nichts vom Ausland, ich kaufe meine Sachen bei meinen Bauern ein."

Mann: "Ich kaufe seit 40 Jahren hier ein. Jeden Samstag so zwischen 7 und halb acht. Da ist es ruhig, da kann man sich alles anschauen. Einen ganzen Einkaufszettel: Gelbe Rüben, Kohlrabi, Brokkoli, ein Rettich, Schnittlauch, Petersilie, ein Vollkornbrot, die Semmel, Brezeln. Ja, da gebe ich meine 80 bis 100 Euro aus am Samstag. Es ist nicht zu teuer, weil ich habe gute Ware hier und ich kaufe ungern in Supermärkten ein. Wenn Sie da mal um 10 oder um 11 Uhr durch den Markt gehen, dann werden sie ja sehen, was da für ein Treiben ist. Das ist dann auch nur noch eine Schieberei. Und dann hat man auch keine Zeit für ein persönliches Wort oder das irgendwas zum Ratschen geht, das ist dann nicht mehr drin."

Schweizer Ehepaar: "Wir sind Schweizer, wir kommen so zwei, drei Mal im Jahr hierher. Mich fasziniert die Vielfalt. Es ist alles so schön angerichtet. Schön präsentiert. Das findet man einfach in dieser Vielfalt bei uns in der Schweiz nicht. Es lohnt sich jedes Mal hier wieder drüber zu gehen."

Schwere Bombenangriffe legten im Zweiten Weltkrieg Teile des alten München in Schutt und Asche. Die Standln auf dem Viktualienmarkt wurden 1944 weggebombt. Nach dem Krieg gab es Pläne, das Areal anders zu bebauen. Erst mit Hochhäusern, später - in den 60ern - sollte der Markt teils einer Stadtautobahn weichen.

Axel Winterstein: "Das scheiterte am heftigen Protest der Münchner Bevölkerung. Die ihren Markt behalten wollten, weil ihnen der Markt sozusagen ans Herz gewachsen war. Weil, der Markt wird ja der Bauch von München genannt, und das ließen die Münchner nicht zu, dass hier irgendwas anderes hinkommt. Er ist so groß und schön wie eh und je."

Die Münchner verbindet schon eine ganz besondere Liebe mit ihrem Viktualienmarkt - oft auch "Münchens liebster" genannt. Nur wer nichts von dieser innigen Zuneigung weiß, könnte wohl auf die Idee kommen, das rund 22.000 Quadratmeter große Areal zum Höchstpreis an einen Investor zu verscherbeln. Der Markt auf teuerem Baugrund in bester Citylage ist natürlich der reine Luxus.

Mann: "Mir gefällt halt das ganze Drumherum, net. Der ganze Flair hier. Auch die Leute, die verkaufen, die kennen mich alle. Wenn ich mal ein Samstag nicht komme, dann heißt es: Ja, ist denn der krank? Da wird auch gefragt: Na, wie geht es denn so, ein kleiner Ratsch. Beim Metzger, das ist ein Freund von mir, zum Beispiel, da wird über Fußball gesprochen. Da esse ich meist eine Weißwurst oder zwei. So ungefähr ist es hier."

Frau: "So kann ich doch mal einen Ratsch machen mit den Marktfrauen. Und das ist Gemütlichkeit, gell."

Frau: "Das ist das Herz von München, der Viktualienmarkt, das gehört einfach zu München dazu. Das finden Sie nirgends auf der Welt. Sie können essen, Sie können essen, trinken, sie können einkaufen oder nur spazieren gehen, es ist alles geboten."

Frau: "Ich habe einen pflegebedürftigen Mann, ich bin eigentlich gefangen in meinen eigenen vier Wänden und das ist so für mich Ausflug, unter Leute kommen, was Schönes sehen, in die Sonne kommen, ich genieße es."

Mann: "Ich bin fast jeden Tag da. Bis Mittag tue ich meine Zeitung lesen, Leute beobachten, das ist das Schönste, was es gibt. Zeitvertreiben, so in den Tag hinein leben, das ist doch herrlich. Da freut mich das Leben wieder."

"Der Viktualienmarkt ist eine öffentliche Einrichtung zur Versorgung der Bevölkerung insbesondere mit marktüblichen Lebensmitteln." Die nüchterne Sprache der Lebensmittelsatzung der Stadt München kann das bunte Markttreiben nicht annähernd beschreiben. Auf dem Viktualienmarkt, da mische sich das Ambiente des kastanienbeschatteten Biergartens mit den Gerüchen, der Vielfalt der feilgebotenen Waren, den Delikatessen aus aller Welt, deren liebevolle Präsentation ins Auge sticht - das sind die wichtigsten Bestandteile der hymnischen Lobreden auf den Markt im Herzen der Stadt.

Susanne Hofmann verkauft im Tölzer Kasladen nichts als Käse und den passenden Wein dazu.

"Nicht nur das Essen ist ein Erlebnis oder kann Genuss sein, sondern auch das Einkaufen. Hier haben Sie quasi menschlichen Kontakt mit der Ware, das ist in einem Supermarkt gar nicht gewährleistet. Dann haben Sie nur qualifiziert geschulte Händler. Fragen Sie mal in einem Supermarkt nach irgendeinem tieferen Produktwissen, das kriegen Sie nicht. Und Sie haben das ganze Spektrum an Qualität, also von günstig bis ganz hochwertig oder exotisch. Das finden Sie in einem Supermarkt auch nicht."

Der Markt - ein Schlemmerparadies für Genussmenschen. Es gibt wenig, was hier nicht angeboten wird: vom Pferdefleisch bis zur exotischen Frucht über Trüffel aus dem Piemont bis zu Erdbeeren und Süßkirchen aus Südafrika.

Es hat Jahre gedauert, bis Susanne Hofmann 1999 ihren Kasladen öffnen konnte. Bewerbung mit polizeilichem Führungszeugnis, viele Referenzen und der Nachweis ihrer fachlichen Qualifikation waren zu beschaffen. Und mit der städtische Marktaufsicht ist auch nicht zu spaßen.

Susanne Hofmann: "Wenn man unkorrekt handelt, dann kann man schon einen Verweis bekommen. Ich habe es schon ein Mal erlebt, dass einer binnen zehn Minuten seinen Stand räumen musste. Der hat drei Abmahnungen bekommen und nach der dritten Abmahnung ist die Marktaufsicht, der Direktor, der Objektverwalter gekommen und hat von ihm verlangt, dass er sofort seine Sachen packt und geht, binnen zehn Minuten war das erledigt. Das ist absolut in Ordnung, weil es heißt ja auch nicht, der und der Händler, sondern am Markt, da ist ... "

Um den Markt nicht unter Generalverdacht zu stellen, ist 1-A-Qualität selbstverständlich, exzellenter Service inbegriffen, was natürlich seinen Preis hat. Manchmal einen stolzen Preis, wenn man etwa für ein Pfund Kirschen 9,95 Euro hinblättern muss.

"Der Markt ist halt sehr teuer. Wenn man etwas Besonderes will, geht man auf den Markt und kauft dort ein. Aber, wenn man so die Preise vergleicht, kauft man draußen schon günstiger ein."

Ludwig Freisinger: "Ja Sie, dass das ein Geld kostet, da brauche ich mich doch nicht zu wundern. Im Winter Super-Kirschen aus Südafrika, da kostet ja eine schon gleich einen Euro, gell. Da brauche ich doch nicht sagen, dass das teuer ist, da brauch ich mich doch nicht wundern. Ich muss sie ja nicht haben. Aber der, der sie will, der muss halt zahlen. Der kauft sich halt da ein Pfund, dann muss er es halt zahlen, gell."

Den Vorwurf, dass die Preise auf dem Viktualienmarkt zu gepfeffert sind, den tut Ludwig Freisinger als dummes Geschwätz ab. 95 Prozent seiner Kunden sind Stammkunden, was hier keine Seltenheit ist, und die würden nicht wiederkommen, wenn seine Kräuter, die zig Sorten Oliven, seine original Münchener Gurkaln oder das eingelegtes Gemüse sündhaft teuer wären.

Rund 33 Millionen Euro haben die 140 Händler in 129 Standln und 75 Freischankflächen im letzten Jahr umgesetzt. Wer viel arbeitet, soll gut verdienen, findet Freisinger.

"Sie, ich habe das 50 Jahre gehabt 80 Stunden in der Woche, wenn ich im Geschäft war. Wer macht denn das? Neidisch sind sie dann natürlich schon, aber das ist ja klar. Sie, wenn ich 80 Stunden arbeiten muss, dann muss ich ein bisschen mehr verdienen, als der andere, dem seine 35 Stunden schon zuviel sind."

Ein Zuckerschlecken ist die Arbeit auf dem Viktualienmarkt nicht. Spätestens um sieben Uhr in der Früh geht es los, vor acht Uhr abends ist an Feierabend überhaupt nicht zu denken. Sechs Tage die Woche. Manche Stand ist nicht mal am Sonntag zugesperrt.

Das eigentliche Viktualienmarkt-Gefühl, schrieb die "Süddeutsche Zeitung", stellt sich erst ein, wenn man nichts kaufen muss. Wenn man einfach nur da ist, um die Vielfalt der Kartoffelsorten und der Menschentypen zu bestaunen. Oder an alte Zeiten zu denken.

Frau: "Ja, es hat sich verändert. Es sind mehr ausländische Marktleute dazu gekommen gegen früher, da waren es wirklich nur Einheimische. Es war halt alles ein bisschen kleiner, ein bisschen zusammengedrückter."

Mann: "Das war alles viel lebendiger als wie heute. Heute ist einer auf den anderen neidisch und so, das hat es früher nicht gegeben. Die alten Originale sind ausgestorben. Die alten Gärtnerinnen. Die haben halt gesagt, wie schaust Du heute blöd aus? Aber aus Spaß. Oder hast net gut geschlafen? Einen Witz halt drauf gehabt. Das gibt es nicht mehr. Die Zeit bringt das mit sich, früher war es halt gemütlicher hier. Es ist halt eine andere Generation. Ja, wie sage ich denn, es ist alles hektischer geworden."

Und viel zu schick ist es auf dem Münchener Viktualienmarkt geworden, klagen die einen. Es ist einfach nimmer so bayerisch-gemütlich wie früher, granteln die anderen. Direkt widersprechen kann Christine Hirschauer, die Vertreterin der Standlleute, dem nicht.

"Na, Besen fliegen heute vielleicht nicht mehr, vielleicht fliegt was anderes, das gibt es schon noch. Aber nicht mehr so häufig wie früher. Das ist heute eher verbal. Ganz früher war es vielleicht ein bisschen, wie man in Bayern sagt, g'scherter. Dieses typische Münchnerische, nicht gemein, sondern was zu Bayern gehört dieses Nette, dafür sagt man ja auch diese g'schwerten Marktweiber, hier darf man auch Weiber sagen, weil das ist kleine Beleidigung, man ist ganz anders miteinander umgegangen. Es war viel, viel härter als jetzt. Auch die Arbeitsbedingungen, jetzt haben wir Häusel, früher haben die Leute, also die Händler am Markt nur so Kisten gehabt, da war vielleicht höchstens ein Schirm drüber, der vor Nässe geschützt hat, aber ansonsten, muss ich sagen, waren des schon ganz Hartgesottene."

Ganz schön derb und gschert konnten diese alten Originale sein. Passend beschrieben in einer Anekdote, die angeblich mal Ex-Bundeskanzler Willi Brandt erzählt habt: Geht ein Japaner auf den Viktualienmarkt, wo eine Standlfrau in krachertem Bairisch Waren anpreist. Weil er nichts versteht, marschiert der Japaner kopfschüttelnd weiter und die Standlfrau keift ihm hinterher: "Saupreiß, japanischer."

Christine Hirschauer: "Es ist alles ein bisschen moderner geworden, aber wir bemühen uns wirklich, dass wir der Tradition trotzdem gerecht werden, das heißt, dass das Münchnerische nicht verloren geht. Was das typisch Münchnerische ist? Ja, schwierige Frage, wie soll ich das jetzt beantworten? Dieses Gesellige, das ist vielleicht fast was Unbeschreibliches, das kann man nicht beschreiben, das spürt man, diese Münchner Art."

Zum Beispiel am Samstagfrüh am Stand der Freisingers. Dann nämlich bekommt der alte Freisinger immer Besuch vom Herrn Apotheker um die Ecke.

"Ich bin nur zum das Wochenende Beschließen hier, ein schönes Wochenende wünschen. Und wie jeden Samstag nehme ich mein Suppengrün mit."

Freisinger: "Und vor allem Liebstöckel, weil das deine Frau liebt. Ja, Liebstöckel. Und Du liebst sehr gern einen Tafelspitz und da gehört Liebstöckel rein. Ja genau. Als Höhepunkt."

Apotheker: "Und wir beide, wir unterhalten uns über Essen, trinken. Ja, über Gott und die Welt. Jeden Samstag, ich komme jeden Samstag. Sie können die Uhr stellen danach."

Freisinger: "Um 8 bin ich da, und um 9 bin ich im Geschäft. Und ich bin um 6 im Geschäft, bis abends um 7 Uhr. Und da hat man was vom Tag."
(Gelächter)

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