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Tonart | Beitrag vom 17.04.2018

20 Jahre 12 Tónar in Reykjavik"In der Musikszene in Island kennt jeder jeden"

Jóhannes Ágústson im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Der Plattenladen 12 Tónar in Island (Louise H. Johansen)
Der Plattenladen 12 Tónar in Reykjavik, Island (Louise H. Johansen)

Island hat wenig Einwohner, aber eine sehr aktive Musikszene. In deren Zentrum steht seit 20 Jahren der Plattenladen 12 Tónar in Reykjavik. Wir sprechen mit dessen Besitzer Jóhannes Ágústson.

Deutschlandfunk Kultur: Herr Ágústsson, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren Bestehen Ihres Ladens und Plattenlabels. Island hat knapp 350 000 Einwohner, wie viele Plattenläden gibt es denn überhaupt im Land?

Jóhannes Ágústson: In Reykjavik gibt es fünf Plattenläden, die unterschiedlich groß sind und verschiedene Musikstile bedienen. Unsere Stadt hat 120 000 Einwohner, da können wir uns wirklich glücklich schätzen, ein so großes Angebot an Musik zu haben.

Keine guten Importpreise

Deutschlandfunk Kultur: Tonträger nach Island zu bekommen ist ja aufwendig und teuer. Ist da Musikstreaming nicht eine sehr starke Konkurrenz für Läden wie Ihren?

Ágústson: Ja, die Tonträger kosten in Island mehr, die Importkosten sind in den letzten Jahren auch gestiegen. Und wir können in Island auch nicht so große Stückzahlen abnehmen und bekommen dafür auch nicht so gute Preise von den Vertrieben. Wir spielen nicht in derselben Liga wie die großen Länder. Aber wir geben unser Bestes.

Impressum aus dem Plattenladen 12 Tónar in Reykjavik, Island (Lárus Jóhannesson)Impression aus dem Plattenladen 12 Tónar in Reykjavik, Island (Lárus Jóhannesson)

Deutschlandfunk Kultur: Es ist ja recht aufwendig, Tonträger nach Island zu importieren. Sind die nicht entsprechend teuer, und haben da Plattenläden gegen Musikstreaming überhaupt eine Chance?

Ágústson: Ja, als Spotify vor zwei oder drei Jahren in Island freigeschaltet wurde, hat man das sofort an den Verkaufszahlen gemerkt, vor allem bei ausländischer Musik. Und die Isländer haben Spotify sofort sehr gut angenommen, das haben wir auf jeden Fall zu spüren bekommen.

Deutschlandfunk Kultur: Spielt Vinyl in Island eine große Rolle? Meines Wissens gibt es auf der Insel kein Presswerk.

Ágústson: Vinyl boomt auch bei uns. Aber bei 12 Tónar verkaufen wir noch hauptsächlich CDs. Es gab in den 70er Jahren ein großes Vinylpresswerk in Island. Heute gibt es tatsächlich noch einen Anbieter, der aber nur kleine Auflagen herstellt. Wir lassen unsere Platten in Osteuropa, Deutschland und England pressen.

Deutschlandfunk Kultur: 12 Tónar hat sich 1998 gegründet, Björk war damals schon ein Star, die vielfältige isländische Musikszene mit Bands wie Múm und Sigor Rós war da aber erst im Entstehen. Herrschte damals so was wie eine musikalische Aufbruchsstimmung in Island?

Ágústson: Es war eine sehr wichtige Zeit für die isländische Musikszene, als wir den Laden eröffnet haben. Die heutige Musikszene war nur durch Björks internationalen Erfolg als Musikerin möglich. Sie hat den Weg für Bands wir Sigur Rós und Múm und so viele andere geebnet. Ihr größtes Verdienst war aber wohl, dass sie die Genregrenzen eingerissen hat, elektronische Musik mit Klassik gemischt hat und so weiter. Für die nachfolgenden Musiker war das eine Selbstverständlichkeit, das kann man heute in der isländischen Musik hören.

"Auf unserem Label haben wir fast 80 Alben veröffentlicht"

Deutschlandfunk Kultur: Welche Rolle spielt 12 Tónar heute in der isländischen Musikszene?

Ágústson: Wir haben sicher unsere Rolle gespielt in diesem musikalischen Abenteuer, das bis heute in Island anhält. Auf unserem Label haben wir fast 80 Alben veröffentlicht, Musiker kommen zu uns in den Laden, wir können sie mit neuer Musik bekannt machen - die Musikszene hier in Island ist eine sehr organische Sache, jeder kennt jeden, man hilft einander, und da spielen wir auch unsere bescheidene Rolle.

Deutschlandfunk Kultur: Zum 20jährigen Jubiläum haben Sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um den Soundtrack wiederzuveröffentlichen, den der isländische Komponist Hilmar Örn Hilmarsson zum Film "Children Of Nature" des Regisseurs Friðrik Þór Friðrksson geschrieben hat - der Film war 1991 für einen Oscar nominiert. Warum liegt Ihnen dieser Soundtrack so sehr am Herzen?

Ágústson: Für mich gehört dieser Soundtrack zu den schönsten Werken isländischer Musik, die je veröffentlicht wurde. Und er hatte großen Einfluss auf die Musik des Landes, das hört man zum Beispiel bei den späten Sachen von Jóhann Jóhannson und Ólafur Arnalds, aber auch bei vielen anderen. Hilmar ist ein sehr bedeutender Komponist unseres Landes. Er hat früher viel mit Björk gearbeitet und seine Spuren in der gesamten isländischen Musik hinterlassen. Die Wiederveröffentlichung dieser wunderschönen Musik war uns schon lange eine Herzensangelegenheit.

Deutschlandfunk Kultur: Welche neue isländische Musik empfehlen Sie dieser Tage Ihren Kunden bei 12 Tónar?

Ágústson: Ach, die Auswahl ist so groß. Darum haben wir auch so viele Sofas im Laden, damit man sich in Ruhe Musik anhören kann. Wenn ich mir die neuen Sachen anschaue: Mammút hat letztes Jahr ein fantastisches Album veröffentlicht, JFDR ("Jofdir") von den Bands Pascal Pinon und Samaris hat ein sehr gutes Soloalbum letztes Jahr veröffentlicht. Vor ein paar Wochen haben wir einen Sampler bekommen mit neuer Musik bislang unbekannter isländischer Band mit tollen Sachen drauf. Die Auswahl ist groß und es ist uns immer eine Freude, unsere Kunden mit der reichen isländischen Musikszene bekannt zu machen.


Hören Sie außerdem Mike Herbstreuth darüber, wie der Soul nach Island kam:

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