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Weltzeit | Beitrag vom 12.04.2018

1968 für Frankreich und USARiesige Revolten - und dann?

Von Jürgen König und Marcus Schuler

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Daniel Cohn-Bendit gibt eine Erklärung ab. Der Versuch des Studentenführer Daniel Cohn-Bendit, am 24.05.1968 trotz eines Einreiseverbots über den Grenzübergang "Goldene Bremm" bei Saarbrücken nach Frankreich zurückzukehren, ist gescheitert. Die französischen Behörden haben Cohn-Bendit nach tumultartigen Verhandlungen zurückgewiesen. | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Roland Witschel)
Daniel Cohn-Bendit darf im Mai 1968 nicht mehr nach Frankreich einreisen und gibt eine Erklärung an der Grenze bei Saarbrücken ab. (picture alliance / dpa / Roland Witschel)

Die Proteste waren gewaltig im Mai 1968 in Frankreich: fast zehn Millionen Streikende, angefeuert durch eine Rede des Soziologie-Studenten Daniel Cohn-Bendit. In den USA mobilisierte die Kommunisten-Jagd an der Uni in San Francisco die Studierenden.

Der Mai 1968 - auch als Pariser Mai bezeichnet - ist der Höhepunkt der französischen 68er-Bewegung. Mit der Rede des deutsch-französischen Soziologie-Studenten Daniel Cohn-Bendit beginnt am 22. März 1968 die größte französische Streik- und Protestwelle des 20. Jahrhunderts. "Ich glaube, so etwas geschieht zum ersten Mal: Wir besetzen die Sorbonne!", exklamiert der 23-jährige Daniel Cohn-Bendit.

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Rebellische 68er lösten "mittelmäßige" Veränderungen aus

Auf die Besetzung der französischen Elite-Universität folgt eine brutale Räumung und weitere Studentenproteste, denen sich bald die Arbeiterbewegung anschließt. Die Gewerkschaften rufen zum Generalstreik auf. Straßenschlachten zeichnen das Bild der Stadt. Es häuft sich der Müll, Benzin wird knapp.

Frieden, Kapitalismuskritik und die Forderung nach einer Bildungsreform sind zentrale Themen der Demonstranten. Staatspräsident Charles de Gaulle löst das Parlament auf, setzt Neuwahlen an, die die Gaullisten, trotz allen Protests, haushoch gewinnen.

Studentendemonstration am 6. Mai 1968 in Paris. (AP Archiv)Studentendemonstration am 6. Mai 1968 in Paris. (AP Archiv)

Rückblickend bezeichnet Julie Pagis, Dozentin an der Pariser Hochschule für Sozialwissenschaften, den Protest mit acht bis zehn Millionen Streikenden als einen großen Einschnitt in das politische Leben Frankreichs. Den Einfluss der rebellischen 68er schätzt sie jedoch als mittelmäßig ein:

"Bei den Lebensbedingungen und den Rechten der Frauen hat sich viel verändert. Vor 1968 hatten Frauen keinen Zugang zu Verhütungsmitteln, Abtreibungen waren unmöglich, plötzlich behaupteten sie für sich das Recht, über ihren Körper selber zu verfügen! Bei den Gewerkschaften hat sich viel getan: Ende 1968 wurden zum ersten Mal Gewerkschaftsvertreter in den Betrieben zugelassen!"

Nach dem Rücktritt Charles de Gaulles im Jahr 1969 konnte sich die Linke zur politisch relevanten Kraft mausern. Aus den ökologischen Gruppen der 1970er-Jahre entstand 1984 in Frankreich die grüne Partei "Les Verts".

An den grundsätzlichen Strukturen im Land änderte sich allerdings wenig. Schulen und Universitäten blieben so autoritär wie zuvor, die Elitehochschulen sind bis heute die Kaderschmieden des Staates.


Berkeley als Brutstätte des ungehorsamen 68er-Geistes

Die 68er-Bewegung fängt in San Francisco eigentlich schon am 13. Mai 1960 auf den Treppenstufen des Rathauses an. Damals hatte die republikanische Partei die Mehrheit im Senat in Washington. Und auf deren Betreiben traf sich nun das Komitee für "unamerikanische Umtriebe" im Rathaus von San Francisco. "Eine Provokation mit Folgen", sagt Peter Richardson Professor für kalifornische Kulturgeschichte an der Universität von San Francisco:

"Man wollte Kommunisten an den Unis identifizieren. Studenten und Professoren in San Francisco und Berkeley hielten das Ganze für eine Hexenjagd. Vor allem die Studenten versammelten sich dann vor dem Rathaus. Die Polizei ging hart gegen die Proteste vor. Am Ende wurden die Studenten mit Feuerwehrschläuchen von den Stufen des Rathauses herunter getrieben. Aber genau das mobilisierte die Studenten."

Und zwar durch die ganzen 1960er-Jahre hindurch: Proteste und Sitzblockaden gegen den Krieg, gegen die Diskriminierung von Frauen, Schwarzen, Migranten zeichnen das Jahrzehnt. Hauptschauplatz: die University of California in Berkeley. Eine Uni mit einer langen Geschichte des Ungehorsams.

Die Folksängerin Joan Baez am 2. Dezember 1964 während eines Auftritts vor Studenten der Universität von Kalifornien in Berkeley. (picture-alliance / dpa / UPI)Joan Baez bei einem Auftritt vor Studenten der Universität von Kalifornien in Berkeley im Dezember 1964. (picture-alliance / dpa / UPI)

Was ist heute von dieser Zeit geblieben? Hat Berkeley noch eine Stimme in den von Donald Trump regierten USA?

Berkeley versteht sich auch heute durchaus noch als kritisches, linkes Gegengewicht, sagt Saul Scott, der in Berkeley unterrichtet. Doch statt zu protestieren, kreisten die Sorgen einer Mehrheit der Studenten heute eher um die Frage, wie sie ihr Leben finanzieren sollen:

"Wohnen, Krankenversorgung und Bildung. Alle drei Dinge sind unglaublich teuer geworden. Die meisten meiner Studenten können sich nicht vorstellen, einmal ein eigenes Haus zu kaufen. Das gehörte in den 1960er-Jahren zum amerikanischen Traum der Arbeiterklasse. Jetzt mühen sie sich ab, ihre Krankenversicherung zu zahlen, ihre Ausbildung beschert ihnen Schulden. Sie blicken auf die 60er mit einer Mixtur aus Bewunderung und Skepsis."

In der Dunkelheit sind Flammen zu sehen. Daneben stehen Menschen mit Protestplakaten. (dpa/Ben Margot)Studenten verhindern im Februar 2017 mit Protesten den geplanten Auftritt des "Breitbart News"-Redakteurs Milo Yiannopoulos an der Universität von Kalifornien in Berkeley. (dpa/Ben Margot)

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