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Sein und Streit | Beitrag vom 22.04.2018

100 Jahre "Untergang des Abendlandes" Was wollte Oswald Spengler?

Peter Strasser im Gespräch mit Simone Miller

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Der Kultur- und Geschichtsphilosoph Oswald Spengler in einer zeitgenössischen Aufnahme. Er wurde am 29. Mai 1880 in Blankenburg geboren und ist am 8. Mai 1936 in München gestorben. (dpa)
Der Kultur- und Geschichtsphilosoph Oswald Spengler in einer zeitgenössischen Aufnahme. Er wurde am 29. Mai 1880 in Blankenburg geboren und ist am 8. Mai 1936 in München gestorben. (dpa)

Mit dem Szenario des untergehenden Abendlandes hat Oswald Spengler ein Deutungs-Motiv in die Welt gesetzt, das seither immer wieder aufgegriffen wurde - aktuell von der Neuen Rechten. Wir fragen den österreichischen Philosophen Peter Strasser, was sich hinter der Spenglerschen Idee verbirgt.

"Der Untergang des Abendlands" war das meist gelesene Sachbuch der Weimarer Republik. Bis in die 30er-Jahre hinein gingen insgesamt 200.000 Exemplare über den Ladentisch.

Der österreichische Philosoph Peter Strasser erklärt die Erfolgsgeschichte dieser Bücherreihe vor allem vor dem Hintergrund der historischen Situation. Die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg, die Versailler-Verträge wurden von vielen Deutschen als große Demütigung erfahren. Spenglers "Untergang des Abendlandes" erlaubte, diesen Verlust in ein heilsgeschichtliches Schema einzuordnen, erläutert Strasser: "Denn das war die Spenglersche Idee, dass das Abendland deshalb untergeht, weil seine große Zeit, die bei ihm zwischen 500 und 900 n.Chr. beginnt, nach einer Jugend- und Erwachsenphase und einer Phase der langsamen Vergreisung, nun tatsächlich seinem Ende entgegen geht."

Spengler unterscheidet in seiner "Kulturmorphologie" verschiedene Hochkulturen, wobei er die abendländische der antiken gegenüberstellt. Jeder Kultur wohnt Spengler zufolge ein "Wille zur Macht" inne, der sie dazu antreibt, ihre Kernidee zu verwirklichen. Diese Kernideen nennt er "Ursymbole", führt Strasser aus, wobei dasjenige der abendländischen Kultur der "unendliche Raum" sei.

Menschheitsgeschichte als Kriegsgeschichte

"Der abendländische Mensch will nach außen, über sich hinaus. Nietzsche hat gesagt, der Mensch möchte den Pfeil seiner Sehnsucht über sich hinaus schleudern. Nach Spengler ist das im Kern die abendländische Idee. Politisch umgemünzt, heißt das: sie ist expansiv, kriegerisch, auf Eroberung aus."

Entsprechend unterscheidet Spengler zwischen "Kultur" einerseits, und "Zivilisation" andererseits. Letztere gilt ihm dabei als Indikator des Verfalls. Die liberale Demokratie muss in den Augen Spenglers überwunden werden. Denn in Spenglers Version ist Menschheitsgeschichte Kriegsgeschichte: "Er kann sich nicht vorstellen, dass die Menschheit sich weiter entwickelt, ohne dass sie in Kriegsgeschehen von epochaler Bedeutung verwickelt wäre."

Strasser beobachtet in der Neuen Rechten eine Spengler-Renaissance, die er politisch für bedenklich hält: "Wenn man sich anhört, was da gesagt wird über das, was wir brauchen, um zu überleben, dann geben diese Leute sich raubtierhaft. Spengler hat unterschieden zwischen dem Raubtiercharakter und dem Pflanzenfressercharakter in seiner Ethik. Das Raubtierhafte ist demzufolge das Gesunde. Politisch gesehen, ist das natürlich extrem gefährlich, denn da kommt die Ethik des Stärkeren zum Tragen: man muss sich nach außen stark geben und die inneren Feinde, so weit es geht, vernichten."

Weltenbrand im Spenglerschen "Cäsarismus"

Dabei passt Spenglers Theoriegebäude im Grunde genommen nicht besonders gut zu den Anliegen der Neuen Rechten, argumentiert Strasser. Denn Spengler war überzeugt davon, dass das Abendland notwendigerweise untergeht. "Das ist eine Art negativer Heilsgeschichte: Das Abendland muss ausbrennen", um dem sogenannten "Cäsarismus" Platz zu machen, so Strasser. Unter diesen Cäsaren stellt sich Spengler Menschen vor, die den Willen der Macht in Reinform verkörpern: 

"Das sind kriegerische Gestalten, die mit den extrem gesteigerten Kriegsmitteln der Moderne einen Weltenbrand inszenieren werden, damit das bisher Bestehende ausgelöscht wird und eine neue Kultur aufblühen kann."

In Spenglers Vision soll und kann das Bestehende also nicht gerettet werden. Vielmehr muss es einer neuartigen Kultur Platz machen, die allerdings nicht genauer charakterisiert wird, so Strasser. Eine wichtige Figur bildet dabei aber ein diffus bleibender Heimat-Begriff: Er dient als vereinendes Band, das die – von Spengler verachtete – ‚Masse‘ und die angestrebte Macht-Elite miteinander versöhnen soll.

Problematische Rehabilitierung des Heimat-Begriffs?

"Klar ist bei Spengler nur, dass Heimat ein Ort der Geborgenheit sein muss für das Kollektiv. Aber diese Geborgenheit entsteht dadurch, dass es einen politischen Rahmen gibt, der nicht demokratisch ist."

Strasser warnt deshalb vor einer Ideologie der Heimat: "Die Heimat, das ist eine Vision, die ist in sich – wenn sie nicht bezogen ist auf eine liberal-demokratische Verfassung mit Menschenrechten, Grundrechten und -Freiheiten – immer eine totalitäre Idee."

Der Vorstellung, man könne den Heimat-Begriff ablösen von antidemokratischen Ideen in der Tradition von Spengler und Denkern der ‚Konservativen Revolution‘, steht Strasser kritisch gegenüber. Derzeit werde der Heimat-Begriff in Österreich und Deutschland dazu genutzt, um etwa den Islam als nicht zu unserer Kultur gehörig zu markieren. Das hält Strasser für problematisch:

"Wenn der Heimat-Begriff dazu führt, dass solche Ausgrenzungen respektabel werden, dann ist Feuer am Dach. Denn das führt zu einer inneren Spaltung des Volkes, die kann nur zu Unruhen führen."

Strasser plädiert deshalb für einen Heimatbegriff, der sich am Konzept des Verfassungspatriotismus orientiert. Unsere Kultur hält er zwar für wehrhaft genug, um sich radikalen Kräften entgegenzustellen, trotzdem warnt er mit Blick auf die radikale Rechte:

"Wir dürfen nicht Leute in der Politik stark werden lassen, die das demokratische System nützen, um an die Macht zu kommen und es dann zu zerstören. Diese Demokratien westlichen Zuschnitts sind, in ihrer Art sich zu reproduzieren, das Beste und auch das Stabilste, was wir haben."

 

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