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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.05.2016

100 Jahre Sykes-Picot-AbkommenDie Wurzel allen Übels im Nahen Osten?

Kristian Brakel im Gespräch mit Ute Welty

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Eine Landkarte des Nahen Ostens, die irakische Hauptstadt Bagdad wird durch eine Lupe hervorgehoben. (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)
(picture alliance / dpa / Lars Halbauer)

Mit dem Lineal und ohne Rücksicht auf ethnische Strukturen zogen England und Frankreich vor 100 Jahren die Grenzen der Staaten in Nahost. Bis heute belastet das das Verhältnis der arabischen Welt zum Westen, meint der Islamwissenschaftler Kristian Brakel.

Vor 100 Jahren trafen sich der britische Politiker Mark Sykes und der französische Diplomat Francois-George Picot, um den Ostteil des zerfallenden Osmanischen Reiches in Mandatsgebiete für England und Frankreich aufzuteilen. Rücksicht auf ethnische und kulturelle Strukturen nahmen sie dabei nicht. Sondern die Grenzen von Staaten wie Syrien, Irak oder Jordanien wurden mehr oder weniger mit dem Lineal gezogen.

Für die Araber, die im Ersten Weltkrieg an der Seite Englands gekämpft hatten und denen dafür ein eigener Staat versprochen worden war, war das ein Schock, der bis heute nachwirkt. 

Das Problem ist eine Politik, die ethnische Gruppen gegeneinander ausspielt

Dadurch sei ein psychologisches Moment geschaffen worden, das bis heute das Verhältnis zwischen dem Westen und der arabischen Welt "sehr schwer belastet", sagt Kristian Brakel, Leiter der Istanbuler Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul. Die Ursache allen Übels in der arabischen Welt sei das Sykes-Picot-Abkommen jedoch nicht.

Denn das Problem seien nicht die vielen ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen innerhalb eines Staates, sondern eine Politik, die diese gegeneinander ausspiele:

"Zum Beispiel wenn ich im Irak bin, ich bin schiitischer Premierminister und ich sage: Okay, und jetzt zuerst einmal kümmere ich mich um meine Glaubensbrüder und alle anderen haben das Nachsehen."


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Ein britischer Politiker, ein französischer Diplomat und ein Lineal – als die drei sich vor 100 Jahren zusammensetzen, kommt das heraus, was man heute den Nahen Osten nennt, mit schnurgeraden Grenzen, die keine Rücksicht nehmen auf Menschen und Natur. Sir Mark Sykes und Francois Georges-Picot haben Ordnung hergestellt oder besser gesagt, das, was sie Ordnung gehalten haben.

Einspieler

Über diese Folgen habe ich gesprochen mit Kristian Brakel, der Islamwissenschaftler, leitet zurzeit die Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul und ist seit Jahren ein Kenner der Region, unter anderem aufgrund seiner Studienaufenthalte in Jerusalem, Damaskus, Kairo und Aman. Guten Morgen, Herr Brakel!

Kristian Brakel: Guten Morgen!

Welty: Sehen Sie das auch so, dass dieses Sykes-Picot-Abkommen die Ursache allen Übels im Nahen Osten ist?

Brakel: Nein, das ist natürlich nicht die Ursache allen Übels, aber es ist ein Faktor. Natürlich kann man argumentieren, dass es weltweit so ist, dass Grenzen, auch ein Europa, nicht immer den Verläufen folgen, die für die Menschen, die dort leben, günstig gewesen wären.

Welty: Darüber gibt es ja durchaus verschiedene Auffassungen, was ein natürlicher Grenzverlauf ist.

Brakel: Ja, auf jeden Fall. Also ich glaube, was man lediglich sagen kann beim Sykes-Picot-Abkommen, dass es natürlich eine sehr ungünstige Ausgangssituation geschaffen hat und dass der psychologische Moment, der auf jeden Fall heutzutage noch das Verhältnis zwischen dem Westen und der arabischen Welt sehr schwer belastet.

Welty: Warum ist es nicht gelungen? Dass sich die Menschen auch nach 100 Jahren nicht an diese Art der Grenzziehung wenigstens gewöhnt haben, sie wenigstens gelernt haben zu tolerieren?

"Die Menschen suchen sich dann eher andere soziale Schutzfunktionen"

Brakel: Ich denke, die Grenzen werden ja toleriert. Die Frage ist viel eher, warum funktionieren bestimmte Länder als Nationalstaaten und warum funktionieren andere halt überhaupt nicht, und da, glaube ich, spielt eine ganz große Rolle, kann der Staat als solches dann eine Funktion erfüllen, also kann er den Bürgerinnen und Bürgern etwas geben, also Schutz, ein soziales Netz oder ähnliches.

Und es gibt ja Länder in der Region, die auch künstlich geschaffen worden, also zum Beispiel Israel, wo das mehr oder weniger funktioniert. Dann gibt es andere Länder, wo das staatliche System völlig versagt hat und die Menschen sich natürlich dann eher andere Funktionen suchen, die diese soziale Schutzfunktion erfüllen. Also zum Beispiel religiöse Strukturen oder Familien.

Welty: So etwas auch wie den sogenannten Islamischen Staat?

Brakel: Der Islamische Staat ist, glaube ich, noch mal ein anderes Phänomen. Der Islamische Staat ist eher ein Auswuchs dieses Versagens staatlicher Strukturen. Es gibt Berichte, dass Syrerinnen und Syrer sagen, ja, also ich lebe nicht gut unter dem Islamischen Staat, aber zumindest gibt es zum Beispiel wieder Elektrizität oder es gibt eine Wasserversorgung, die es vorher nicht gegeben hat, Jahre davor.

Welty: Sie sagen, das Problem des Nahen Ostens ist nicht das Vorhandensein von multiplen Ethnien und Religion auf engstem Raum, sondern die exkludierende Politik, die diese immer wieder gegeneinander ausspielt. Ist das nicht das Wesen von Politik, dass Kräfte gegeneinander ausgespielt werden?

Brakel: Ja, aber man kann sich natürlich überlegen, wie man Politik machen möchte. Es ist ja ein großer Unterschied, ob ich jetzt sage, zum Beispiel, wenn ich im Irak bin, ich bin schiitischer Premierminister und ich sage: "Okay, und jetzt zuerst einmal kümmere ich mich um meine Glaubensbrüder, und alle anderen haben das Nachsehen."

Welty: Wie beschreiben Sie an dieser Stelle die Rolle des Westens – übernimmt der ausreichend Verantwortung für diese Art der Grenzziehung oder mischt der sich gerade im Gegenteil zu viel ein?

"Irre Illusion, dass der ägyptische Präsident Stabilität garantieren werde"

Brakel: Also wenn wir jetzt aktuell zumindest auf die Politik gucken, dann ist es lange so gewesen, dass zumindest auch Deutschland sich für ganz bestimmte Staaten in der Region nur zuständig gefühlt hat, also vor allen Dingen Israel und dann noch das Problem mit den Palästinensern. Um vieles andere hat man sich nicht groß gekümmert. Jetzt merkt man natürlich, dass das ein Fehler war. Natürlich gibt es eine Politik gegenüber den Ländern des Nahen Ostens, aber ob das immer die richtige ist, ist eine große andere Frage.

Welty: Na dann stelle ich die große andere Frage doch mal: Was ist denn die richtige Politik?

Brakel: Na ja, ganz sicher, also wenn Sie sehen, zum Beispiel, was die Bundesregierung für eine Politik zum Beispiel gegenüber Ägypten betreibt, wo man alle Ideen von Menschenrechten und Demokratie einfach hat fallen lassen, um möglichst große Geschäfte für die deutsche Industrie herauszuholen, in der irren Illusion, dass der ägyptische Präsident Stabilität garantieren werden wird, während wir gerade auf ein paar Kilometer weiter sehen, wie die Stabilität, die zum Beispiel Baschar al-Assad angeblich uns hätte garantieren sollen, in Rauch und Blut aufgegangen ist, dann muss ich mich schon sehr fragen, was denn die deutsche Politik in den letzten fünf Jahren gelernt hat zum Beispiel aus dem Arabischen Frühling.

Welty: 100 Jahre beliebige Grenzziehung im Nahen Osten sind genug sagt der Islamwissenschaftler Kristian Brakel, der zurzeit die Böll-Stiftung in Istanbul leitet. Ich danke für dieses "Studio-9"-Gespräch, das wir aufgezeichnet haben!

Brakel: Sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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