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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 16.03.2017

100. Geburtstag des Doku-Filmers Gordian TroellerImmer auf der Seite der Armen

Von Hartmut Goege

Gordian Troeller (links) galt als außergewöhnlicher Filmjournalist und Reporter. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth überreichte ihm 1992 den Grimme-Preis. Auch der Moskauer ARD-Korrespondent Gerd Ruge bekam die begehrte Trophäe. (dpa/Horst Ossinger)
Gordian Troeller (links) galt als außergewöhnlicher Filmjournalist und Reporter. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth überreichte ihm 1992 den Grimme-Preis. Auch der Moskauer ARD-Korrespondent Gerd Ruge bekam die begehrte Trophäe. (dpa/Horst Ossinger)

Zeit seines Lebens widmete sich der Dokumentarfilmer Gordian Troeller den Unterdrückten und Benachteiligten. Seine Filme waren mutige und schonungslose Anklagen gegen die westliche Zivilisation und ihren Umgang mit der Armut in der sogenannten Dritten Welt. Am 16. März 1917 wurde der Filmemacher, Journalist und Fotoreporter geboren.

"Hier ist jeder ein kleiner Unternehmer. Die Kinder entscheiden selbstständig, was sie anbieten und wo sie arbeiten. Anders als die Erwachsenen, findet man sie immer in Gruppen, ständig im Gespräch."

Eine Szene aus Gordian Troellers Dokumentarfilm von 1985 "Denn sie wissen, was sie tun" über offiziell verbotene Kinderarbeit in Lateinamerika, die aber das Überleben ganzer Familien sichert.
 
"Diese Kinder würden auch wir als wohlerzogen bezeichnen. Sie sind höflich, hilfsbereit, aufgeweckt, sauber, ehrlich und kameradschaftlich untereinander. Und das haben sie immerhin allein geschafft. Denn ihren Eltern fehlte die Zeit, sie zu erziehen."

Die katholischen Bischöfe fühlten sich vorgeführt

Fernab jeglicher Folklore lenkte Gordian Troeller nüchtern den Blick auf gesellschaftliche und politische Zustände der sogenannten Dritten Welt. Ein zentraler Aspekt in vielen seiner Filme, die vornehmlich von der ARD produziert wurden, war die Kritik am Umgang der westlichen Zivilisation mit der Armut in diesen Ländern.

Häufig erregten seine Arbeiten Anstoß wie etwa bei seinem Film "Denn ihrer ist das Himmelreich". Katholische Bischöfe fühlten sich darin von Troeller vorgeführt, weil er die zwangsweise Missionierung von Indianern in Bolivien anprangerte und - neben anderen - dazu einen Franziskaner-Missionar entlarvend interviewte:

"Die Meinung und die ganze Mentalität dieser Leute ist anfangs sehr infantil. Aber sie lernen. Und wir sind Zeugen dessen, dass viele Indianer, die anfangs der Zivilisation oder Sozietät gegenüber sehr scheu und schüchtern waren, nachher sich wirklich eingelebt haben und dass sie wirklich Mitglieder der großen bolivianischen Gesellschaft sind."

Steigende Auflagen beim "Stern"

Gordian Troeller wurde am 16. März 1917 als Sohn luxemburgischer Eltern im französischen Pierrevillers geboren. Schon früh setzte er sich für die Unterdrückten ein und kämpfte als Siebzehnjähriger im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco. Während des Zweiten Weltkriegs organisierte er im Widerstand Fluchtrouten für NS-Verfolgte.

Nach dem Krieg schrieb der dreisprachig aufgewachsene Troeller für zahlreiche internationale Zeitungen und lernte 1947 seine Lebensgefährtin, die Französin Marie-Claude Deffarge, kennen. Zusammen fanden sie ihre journalistische Lebensaufgabe. Als Reporterteam bereisten die beiden im Auftrag von deutschen Magazinen nahezu alle Länder der Dritten Welt und berichteten mit viel Sympathie über Befreiungsbewegungen, was etwa dem "Stern" zu steigenden Auflagen verhalf. 1977 schrieb Deffarge:

"Wenn es eine Kontinuität in unserem Leben gegeben hat, dann die, Zeugen zu sein. Wir wollten zum Ausdruck bringen, dass die Unterentwicklung kein 'natürlicher' Zustand ist, sondern dass diese Länder Opfer des Weltwirtschaftssystems sind, das seit Jahrhunderten von den herrschenden Nationen errichtet wurde."

Umstieg auf sprachlastige Dokumentarfilme

In den 70er Jahren stiegen beide - als Spezialisten der Dritten Welt mittlerweile anerkannt - vollständig auf den Dokumentarfilm um. Unvergessliche Sendereihen entstanden wie "Im Namen des Fortschritts" über den zerstörerischen Einfluss westlicher Werte, "Frauen der Welt" setzte sich mit den unterschiedlichen Formen des Patriarchats auseinander und "Kinder der Welt" beschäftigte sich mit dem Kindheitsbegriff in anderen Kulturen. Troellers Filme waren sprachlastig und widersetzten sich bewusst neuen Formen des Dokumentarismus, in denen nur das Bild alleine Wahrheit ausdrücken sollte:

"Ich glaube, Wahrheit in diesem Sinne gibt es gar nicht. Selbst wenn Sie sich angeblich wertfrei ausdrücken, bewerten Sie natürlich. Und ich bin sehr subjektiv. Aber eins ist wichtig: Dass der Zuschauer von Anfang an weiß, dass das meine Meinung ist. Und nicht die Wahrheit, die ich da verbreite. So habe ich das dort erlebt, und das bringe ich in Bild und Text unter. Wertfrei zu berichten ist ja meistens wertlos, und diesem trete ich wertend entgegen."

Troeller machte das Paradoxe sichtbar

Der Kern seiner Botschaften blieb in all seinen rund 80 Filmen, die bisweilen bis zu 30 Prozent Sehbeteiligung erreichten, herausfordernd. Seine Sendungen waren Provokationen. In einer seiner letzten Reportagen "Am Rande der Hölle" über die Situation der Kinder in den Flüchtlingslagern von Angola 1993 kommentierte Troeller bitter lakonisch und anklagend:

"In der Dritten Welt ist die Betreuung der Armen zu einem Riesengeschäft verkommen. Allein in Angola tummeln sich 70 Hilfsorganisationen. Bei vielen verschlingen Gehälter, Autos, Wohnungen und Büros bis zu 80 Prozent der verfügbaren Gelder. Nothilfe als Arbeitsbeschaffungsprogramm für arbeitslose Akademiker."

Gordian Troeller starb 2003 mit 86 Jahren in Hamburg.

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